Interessantes und Wissenswertes im Zusammenhang mit der nachgestellten Milchrampe an der Freiberger Straße

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Kennst du noch die arme Kuh Elsa?

Kennst du noch die arme Kuh Elsa?

Nein, sie ist nicht verbrannt…… aber so manchen Bauern fehlte nach dem Ende des 2. Weltkrieges nicht nur eine Kuh im Stall. Mühsam mussten die Bestände wieder aufgebaut werden. In unserer Stadt gab es nur wenige Bauern, aber fast jeder Handwerker und Gasthof hatte damals ein Stück Feld und eine Kuh.

Die Kühe in dieser Zeit hatten alle einen  Namen. Der Anfangsbuchstabe wurde auf die Nachkommen übertragen, so dass aus der Elsa die Emma, die Erna usw. wurde. Es herrschte Hungersnot in unserem Land. Um die Versorgung der Städte zu sichern, legten die Regierenden den Bauern Pflichtablieferungen auf ihre Produkte auf.

Getreide und Kartoffeln wurden in Frauenstein zur BHG /VdgB auf den Bahnhof gebracht. Die Milch musste morgens in schweren Eisenkannen auf die Milchrampen gestellt werden. Diese waren an den Straßenrändern in unserer Stadt und in den Dörfern aufgebaut. Damit die warme Kuhmilch bis zur Molkerei nicht sauer wird, hatte jeder Bauer einen Wassertrog  auf den Hof. Ein LKW der BHG mit dem Fahrer Herbert Wirth aus Kleinbobritzsch, transportierte die Milchkannen in die Molkerei nach Pretzschendorf. Mittags kamen die Kannen mit Magermilch und Molke zur Verfütterung zurück.

Die Milchrampe war ein beliebter Treffpunkt der Jugend. Dort wurde sich nach der Arbeit munter unterhalten und zum Tanz am Wochenende verabredet.

In der Molkerei wurde der Fettgehalt in der Milch eines jeden Bauern geprüft. Bezahlt wurde die Milch nach Menge und Fettgehalt. Damit es nicht zu Verwechslungen kam, wurden alle Kannen mit der Hausnummer beschriftet.        

Die Grundlage für eine ertragreiche Michproduktion wurde mit Einführung des Herdbuchwesens in den dreißiger Jahren gelegt. Nur die Herdbuchbetriebe,- und davon gab es nach dem Krieg nur wenige, hatten bereits ihre eigene Milchkontrolle. Sie wussten daher über die Milchleistung und den Fettgehalt ihrer Kühe Bescheid. Die Ergebnisse wurden in ein Herdbuch eingetragen. Somit entstand für jede Kuh ein Dokument, welches den Stammbaum, das Alter, die geborenen Kälber und die Milchleistung auswies. Somit war es möglich, die besten Kühe für die Nachzucht zu ermitteln. Ab dem Jahre 1952 wurde auf den Dörfern die Milchkontrolle eingeführt und diese wurde für jeden Bauern zur Pflicht. Für die Region Frauenstein und Kleinbobritzsch war damals Willi Schmidt zuständig. Bei manchen Bauern war es schwierig auf den Hof zu gelangen. Sie wollten den Prüfer nicht in den Stall lassen.

Schließlich war ein Milchsoll zu erbringen, das für die größeren Bauern eine Herausforderung war. Sie wollten sich auch nicht in die Karten sehen lassen.           

Im Jahr 1957 wurde ich vom damaligen Instrukteur der Tierzuchtinspektion Karl- Marx-Stadt, Herrn Helmut Hetze aus Clausnitz für diesen Beruf ausgebildet.

Eine Woche Arbeit pro Monat war notwendig, um die etwa 300 Kühe in  Kleinbobritzsch zu prüfen.                                                                                                                                  

Als Milchleistungsprüfer kam ich einmal im Monat mit der Balkenwaage und Flaschenkasten auf jeden Bauernhof, um eine Milchprobe und die Tagesleistung zu erfassen. Man hat sich zum Melken im Stall eingefunden, um Mittags, Abends,- und Anderntags früh um die Milch zu prüfen. Dabei war mit einer Pipette eine Milchprobe zu entnehmen und diese in eine Probeflasche zu füllen.

Jeder Tierhalter hatte ein Milchbuch, in welches die Ergebnisse eingetragen wurden. Mit dem Flaschenkasten und der Balkenwaage bin ich mit dem Fahrrad von einem Bauern zum Nächsten gefahren, bis alle Probeflaschen voll waren.

Dann mussten die Fettprozente ermittelt werden. In einem speziellen Messglas, dem Butyrometer, wurde die Milch mit Schwefelsäure und Amylalkohol angesetzt und in einer Zentrifuge ausgeschleudert. An der Skala konnte man den Fettgehalt in Prozenten ablesen. Zwischen 2 und 7 Prozent schwankte der Fettgehalt in den einzelnen Proben. Im Milchbuch wurde dann die Menge auf einen Monat hochgerechnet und die Fettprozente mittels einer Tabelle in kg/ Fett umgerechnet.

Im Jahre 1956 lag die Milchleistung pro Kuh noch bei 2.360 kg,- vier Jahre später bereits bei 3.050 kg /Jahr. Brachte eine Färse ihr erstes Kalb zu Welt, bekam sie eine Muttertierkarte mit Namen, Geburtstag, Ohrmarkennummer und Angaben zum Stammbaum. Auf der Rückseite wurden die Geburten der Kälber, die Besamung und die Milchleistung eingetragen. Im Herdbuchbetrieb musste noch von mir das schwarzbunte Kalb als Bild mit Tusche nachgezeichnet werden.

Vom Milchprüfer bekam jedes zur Nachzucht vorgesehene Kalb eine Aluminiumohrmarke mit sechs-stelliger fortlaufender Zahl in das rechte Ohr.

In der Regel bekam jede Kuh ein Kalb im Jahr. Sie gab etwa 300 Tage Milch, dann kam die Trockenzeit vor der Geburt des nächsten Kalbes. Am Jahresende bekam jeder Bauer einen Abschlussbericht mit der besten Kuh auf Platz 1.

Durch die künstliche Besamung wurden die positiven Erbanlagen des Bullen auf die Nachzucht übertragen. Das trug zu einer wesentlichen Steigerung der Milchleistung bei. Auch die TBC- Freimachung der Bestände von 1959 bis 1971  brachte die Gesundheit des Tierbestandes voran. Seit Ende der sechziger Jahre wurden die Milchkühe in modernen Milchviehanlagen konzentriert und die Misthaufen verschwanden von den Höfen der Bauern. Die Milchleistung hat sich bis in die heutige Zeit auf über 9.000 kg / Jahr gesteigert. Jede Kuh hat heute einen Rinderpass und große gelbe Ohrmarken. Ein Halsband mit einer dreistelligen Nummer und ein Transponder ist heute das Erkennungszeichen für jede Kuh.

Den Milchprüfer gibt es heute immer noch. Allerdings werden bei den modernen Melkanlagen die Mengen automatisch gemessen und der Fettgehalt in einer abgefüllten Probe überprüft. Die Analysen werden in einem Zentrallabor ausgewertet. Außer dem Fettgehalt wird  noch der Eiweißgehalt, die Zell,- und die Keimzahl, der Laktosegehalt und der pH Wert überprüft.

Sigismund Kempe

Veröffentlicht am 05.05.2020.